Luise Kiesselbach (1863-1929) war Armenpflegerin, Frauenrechtlerin und Sozialpolitikerin. Diese Seite dient dazu, diese außergewöhnliche Frau vorzustellen und Informationen, Daten und Dokumente zu Luise Kiesselbach zur Verfügung zu stellen. Hierfür wird diese Seite kontinuierlich weiter entwickelt.

Einen ersten Überblick über ihre Leistungen bietet der Nachruf in den Münchner Neuesten Nachrichten vom  31. Januar 1929 (auch wenn ihr Name dort fälschlicherweise mit „ß“ statt mit „ss“ geschrieben wird, was ihr selbst vielleicht nicht gefallen hätte).

Frau Stadtrat Kießelbach †

Mit tiefem Bedauern werden weite Kreise die Kunde aufnehmen, daß die rastlos tätige Führerin der bayerischen Frauen und ihre erfolgreiche Vorkämpferin auf dem Gebiete der sozial=karitativen Frauenarbeit, Frau Stadtrat Luise Kießelbach, in einem unweit München gelegenen Sanatorium, das sie, wie schon öfter, zur Erholung auf gesucht hatte, unvermutet rasch gestorben ist. Frau Kießelbach stellte sich nach dem Tode ihres Gatten, des Professors der Medizin an der Universität Erlangen, Dr. Wilhelm Kießelbach,  und nach der Erziehung ihres Sohnes und ihrer Tochter, die sich auch dem ärztlichen Berufe gewidmet haben, mit ihrer ganzen Kraft in den Dienst der Frauenbewegung und ihrer kulturellen und sozialen Ziele. 1913 wurde sie als Nachfolgerin des Frl. Ika Freudenberg nach München berufen und mit der Leitung des Vereins für Fraueninteressen getraut. Unter ihrer tatkräftigen Führung wurde der Stadtbund Münchner Frauenvereine gegründet und der Hauptverband bayerischer Frauenvereine wesentlich erweitert. Außerordentlich lebhaften Anteil nahm sie an allen Fragen der Jugendwohlfahrt, der Kapitalkleinrentnerfürsorge und der Altershilfe, für die sie auch im Münchner Stadtrat, dem sie seit 1919 als Mitglied angehörte, mit dem ganzen Einfluß ihrer Persönlichkeit eintrat. Eine Auswirkung dieser mit voller Hingebung geleisteten, sozialen Arbeit war auch die Gründung des Tutzinger Kinderheims und des schönen, im Vorjahr eröffneten Altersheims an der äußeren Wienerstraße, sowie die Gründung der Gesellschaft Altersfreunde.
Im Weltkriege verstand es Frau Prof. Kießelbach in erfolgreichstem Maße, die Frauen zur vaterländischen Arbeit aufzurufen. Ihr Wirken im Wohlfahrtsausschuß des 26. Stadtbezirkes war nach vielen Richtungen Vorbild und Beispiel. Die Stärke ihres sozialen Empfindens erhellt auch aus der Tatsache, daß sie im Jahre 1909 als erste Armenpflegerin in Bayern tätig war. Besondere Verdienste erwarb sie sich um die Zusammenfassung sozial=karitativer Arbeit durch die Gründung des paritätischen Wohlfahrtsverbandes Bayern, den sie als Vorsitzende zielbewußt leitete. Mit regster Arbeitsfreude hat sie sich im Vorjahre noch an der Vorbereitung und Durchführung der Münchner Ausstellung „Heim und Technik“  beteiligt, in deren Präsidium sie vertreten war. In der Deutschen demokratischen Partei, der sie als Mitglied angehörte, hatte sie seit Jahren die Stelle einer stellvertretenden Vorsitzendes des Münchner Kreisverbandes inne. Das Uebermaß der freiwillig, mit großer Selbstaufopferung übernommenen Pflichten hat die Kraft dieser mit einem gültigen, hilfsbereiten Herzen und einer starken, alle Hindernisse überwindenden Energie ausgestatteten Frau gebrochen. Ihr ganz auf lebendige Arbeit eingestelltes, von äußerer Ehrung sich fernhaltendes Wesen, gibt sich auch in ihrem letzten Willen kund, Zeit und Ort ihrer Bestattung nicht öffentlich bekanntzugeben. Der aufrichtige Dank all der Vielen, denen sie das irdische Los leichter und entbehrungsärmer gestalten half, wird ihrem Namen und Wirken ein dauerndes, verehrungsvolles Gedenken sichern.

aus: Münchner Neueste Nachrichten Nr. 30 –
Donnerstag, 31. Januar 1929, S. 3

Luise Kiesselbach wurde auf ihren Wunsch hin an der Seite ihres bereits 1902 gestorbenen Mannes auf dem Friedhof der Reformierten Kirche in Erlangen begraben. Das Grab ist inzwischen aufgelassen worden.

(Verantwortlich für die Webseite www.luise-kiesselbach.de: Johannes Herwig-Lempp, Halle/ Saale)